Behandlungsschwerpunkt: Essstörungen
Essstörungen: Es gibt mehrere Formen
Die Essstörungen können in drei Gruppen eingeteilt werden: Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störung.
Die Diagnosekriterien der jeweiligen Essstörungen werden im Folgenden erläutert.
Magersucht
Bulimie
Binge-Eating-Störung
Magersucht (Anorexia nervosa)
An Magersucht erkranken überwiegend Frauen im Alter von 14 bis
30 Jahren, selten, im Verhältnis 10:1, auch Männer. Was Fachleute unter
einer Magersucht verstehen, ist genau definiert. Für die Anorexia
nervosa gelten im Wesentlichen folgende Merkmale:
Anorexia nervosa Diagnosekriterien nach DSM-IV (gekürzt)
A) Niedriges Körpergewicht
B) Angst vor Gewichtszunahme
C) Körperschemastörung
D) Amenorrhoe
Subtypen der Anorexia nervosa:
Restriktiver Typ
Beim
restriktiven Typ der Anorexia nervosa wird der Gewichtsverlust nur
durch Vermeidung von kalorienreichen Speisen und durch vermehrte
körperliche Aktivitäten erreicht. Der restriktive Typ ist die reine,
asketische Form der Magersucht. 50 bis 60% der restriktiv
Magersüchtigen können das reine Hungern über längere Zeit nicht
aufrechterhalten. Oft können sie dem Druck der Familie nicht länger
standhalten oder sie erliegen dem eigenen Heißhunger. Es kommt zunächst
gelegentlich, dann öfters zu einem plötzlich einsetzenden Zustand, in
dem all das meist hastig verschlungen wird, was die Betroffenen lange
entbehrt haben. Um die Folgen dieser ungezügelten Kalorienzufuhr auf
Gewicht und Figur zu vermeiden, wird anschließend erbrochen. Nicht
allen gelingt es, das Erbrechen selbst herbeizuführen. Sie weichen auf
Abführmittel und entwässernde Medikamente aus, um einer ungewollten
Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Für beide, für die restriktive und
die bulimische Magersüchtige, ist ein großer Teil des Tages damit
ausgefüllt, das komplizierte Leben nach den eigenen Regeln zu
organisieren.
Binge-purging-Typ
Beim so
genannten Binge-purging-Typ wird der Gewichtsverlust durch selbst
herbeigeführtes Erbrechen oder den Gebrauch von Abführmitteln und
entwässernden Medikamenten bewirkt. Dieser Typus wird auch als
bulimische Form der Anorexia nervosa bezeichnet. Magersüchtigen wird
oft Appetitlosigkeit unterstellt. Das ist aber nicht der Fall. Die
Beschäftigung mit Essen, das Träumen von köstlichen Mahlzeiten,
Kochbücher lesen und Überlegungen, wo und was an Nahrung noch gespart
werden kann, beherrschen die Gedankenwelt Magersüchtiger. Hungern gilt
als Leistung. Diese Leistung stärkt das Selbstbewusstsein und erhebt
die Magersüchtige über diejenigen, die sich nicht beherrschen können
und die oftmals vergeblich versuchen, auch nur ein bisschen abzunehmen.
Hunger ist oft das einzige Gefühl, das sie noch wahrnehmen
Bulimie (Bulimia nervosa)
Die Bulimie wurde erstmals 1979 in ein internationales
Klassifikationssystem aufgenommen und gilt seither als eigene Diagnose.
Auch an Bulimie erkranken mehr Frauen als Männer. Es wird geschätzt,
dass bis zu 3% der Frauen im Alter von 15 bis 35 Jahren die
Diagnosekriterien einer Bulimie erfüllen. Wie bei der Anorexie können
bei der Bulimie zwei Typen unterschieden werden, nämlich der
Purging-Typ, bei dem alle Verhaltensweisen zur Gewichtsreduktion wie
selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln und
entwässernden Medikamenten eingesetzt werden, und ein Non-purging-Typ,
bei dem nach den Essattacken ausschließlich Fasten und gesteigerte
Bewegung zur Gewichtsregulierung eingesetzt werden. In vielen
Verhaltensweisen und Einstellungen sind bulimische Patientinnen den
magersüchtigen vom Binge-purging-Typ ähnlich, bei denen ein BMI von
unter 17,5 für die diagnostische Zuordnung bestimmend ist.
Bulimia nervosa Diagnosekriterien nach DSM-IV (gekürzt)
A) Fressanfälle
B) Kompensatorische Maßnahmen zur Vermeidung einer Gewichtszunahme
C) Frequenz der Fressattacken und der kompensatorischen Maßnahmen mindestens zweimal pro Woche über drei Monate
D) Ausgeprägte Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von Körpergewicht und Figur
E) Störung tritt nicht ausschließlich bei einer Episode von Anorexia nervosa auf
Subtypen:
Purging-Typ
Non-purging-Typ
Binge-Eating-Störung
Es gibt Patientinnen oder Patienten, die offensichtlich an
einer Essstörung leiden, die aber bei enger Auslegung der Kriterien
weder als Magersucht noch als Bulimie bezeichnet werden kann. Aus
diesem Grunde wurde eine eigene Kategorie geschaffen, nämlich die
"Nicht näher bezeichneten Essstörungen".
In den letzten Jahren gewinnt eine besondere Form einer nicht
näher bezeichneten Essstörung an Bedeutung, nämlich die so genannte
Ess-Sucht (binge eating disorder). Dabei treten Episoden von
Essanfällen auf mit Verschlingen großer Nahrungsmengen und dem Gefühl
des Kontrollverlustes während der Episode. Diese Essanfälle sind mit
Ekelgefühlen gegen sich selbst, Niedergeschlagenheit und Schuldgefühlen
verbunden. Die wichtigste Unterscheidung gegenüber der Bulimie besteht
darin, dass die Essanfälle nicht mit dem regelmäßigen Einsatz von
unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen zur Vermeidung einer
Gewichtszunahme einhergehen und nicht ausschließlich im Verlauf einer
Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa auftreten. Die Folge bei dieser
Form der Essstörung ist eine mehr oder weniger kontinuierliche
Gewichtszunahme. Ein Teil der adipösen jungen Menschen leidet an dieser
Art von Essstörung. Adipositas aufgrund einer binge eating disorder
wurde diagnostisch in den Bereich der Essstörungen einbezogen, weil sie
mit psychischen Störungen einhergeht.


