Behandlungsschwerpunkt: Essstörungen
Essstörungen – mehrere Faktoren müssen zusammen kommen
Die Ursache der Essstörungen ist unbekannt. Sicher ist, dass es kein einfaches Verursacher-Modell wie etwa bei einer Viruserkrankung gibt. Es müssen mehrere Faktoren, nämlich soziokulturelle, biologische, familiäre und individuelle, zusammenkommen, damit sich eine Essstörung entwickeln kann. Wir sprechen von einer multifaktoriellen Genese.
Biologische Faktoren
spielen eine wichtige Rolle. Familienuntersuchungen und
Zwillingsstudien sprechen für eine genetische Disposition bei der
Entwicklung einer Essstörung. Auch bei der neurochemischen Regulation
der Nahrungsaufnahme, also von Hunger- und Sättigungsgefühlen, sind
Störungen denkbar. Allerdings können nachgewiesene neurochemische
Auffälligkeiten auch Folge des meist länger bestehenden pathologischen
Essverhaltens sein.
Individuelle Faktoren
Ohne Ehrgeiz, Leistungsorientiertheit und Perfektionsdrang können bei
einer Person Magersucht und Bulimie nicht entstehen. Verbunden sind
diese Eigenschaften mit einem hohen Maß an Selbstunsicherheit, mit
einem ausgeprägten Streben nach Anerkennung, Zuwendung und Liebe. Die
Jugendlichen sind überangepasst und lassen andere über sich bestimmen.
Aber auch für den Einfluss von persönlichen Merkmalen auf die
Verursachung einer Essstörung gilt, dass es keinen bestimmten
Persönlichkeitstyp gibt. Belastende Situationen und schwerwiegende
Erlebnisse in der Kindheit können die Entwicklung einer psychischen
Störung und somit auch einer Essstörung begünstigen. Das gilt auch für
sexuelle Verletzungen in Kindheit und Jugend. Sie sind bei essgestörten
Patientinnen nicht häufiger anzutreffen als bei Menschen mit anderen
psychischen Erkrankungen, aber deutlich häufiger als in der
Durchschnittsbevölkerung. Das Spektrum der Handlungen ist breit. Es
reicht von Verletzungen der Intimsphäre ("Wir sind doch nicht prüde!")
bis hin zum Geschlechtsverkehr. Die Täter sind nahezu ausnahmslos in
der Familie zu suchen.
Familiäre Faktoren
wurden schon vor über 100 Jahren mit der Entstehung der Magersucht in
Verbindung gebracht. Es gibt jedoch keine Eigenschaften und keine
Strukturen einer Familie, die als krankmachend gelten können. Aus
Berichten unserer Patientinnen entsteht häufig das Bild der äußerlich
intakten, leistungsorientierten Familie mit großem Harmoniebedürfnis,
aber kaum gezeigter Emotionalität unter den Mitgliedern. Das Gefühl der
Zusammengehörigkeit und das Bedürfnis, sich nach außen abzugrenzen,
wird als stark erlebt. Bezieht man in die Familie die Generation der
Großeltern mit ein, so sind gestörtes Essverhalten oder auch manifeste
Essstörungen, Depressionen, andere psychische Störungen oder auch
Alkoholmissbrauch nicht selten anzutreffen.
Soziokulturelle Faktoren
Bedeutend ist das in den Industrieländern vorherrschende
Schlankheitsideal, das seit den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts
das Figurbewusstsein bestimmt. Vor allem Frauen fühlen sich dem
Schlanksein verpflichtet, wenn sie im beruflichen und
gesellschaftlichen Leben erfolgreich sein wollen. Die Werbung
präsentiert Idealfiguren und die Bekleidungsindustrie verlockt mit
kleinen Konfektionsgrößen vor allem junge Menschen dazu, den mageren
Models nachzueifern. So entsteht ein Klima, in dem dick mit böse und
dünn mit gut assoziiert wird und in dem Essstörungen gut gedeihen
können.


