Behandlungsschwerpunkt: Essstörungen
Essstörungen – mehrere Faktoren müssen zusammen kommen
Die Ursachen von Essstörungen sind vielfältig. Es müssen mehrere Faktoren - biologische, familiäre, individuelle und soziokulturelle - zusammenkommen, damit sich eine Essstörung entwickelt. Dabei muss es sich nicht um einzelne sehr schwere Faktoren handeln, sondern es können auch mehrere leichte bis mittelschwere Belastungsfaktoren zur Erkrankung führen.
Biologische Faktoren
Familienuntersuchungen und Zwillingsstudien sprechen für eine erbliche Komponente bei der Entwicklung von Essstörungen. Bei eineiigen Zwillingen erkranken überzufällig häufig beide Geschwister. Auch körperliche Faktoren wie ein überdurchschnittlich hohes oder niedriges Gewicht vor Ausbruch der Krankheit können das Risiko für eine Essstörung erhöhen. Zudem finden sich bei Essgestörten biologische Veränderungen wie Neurotransmitterstörungen, Fehlfunktionen des Stoffwechsels und des Hormonsystems oder Störungen des Hunger- und Sättigungsgefühls. Manche dieser Veränderungen treten jedoch auch als Folge der Essstörung auf. Bei all diesen biologischen Faktoren ist davon auszugehen, dass sie das Risiko erhöhen, eine Essstörung zu entwickeln, wenn weitere Belastungsfaktoren aus anderen Bereichen hinzukommen.
Familiäre Faktoren
Es gibt keine typischen Eigenschaften oder Strukturen einer Familie, die als krankmachend gelten können. Kinder aus behüteten Familien können genauso an Essstörungen erkranken wie Kinder aus Familien mit vielen Konflikten. Dennoch gibt es einige Faktoren, die bei der Entstehung von Essstörungen von besonderer Bedeutung sind. In Familien anorektischer Patientinnen halten die Familienmitglieder oft eng zusammen und es herrscht eine hohe Norm- und Leistungsorientierung. Konflikte werden vermieden und die Eltern neigen dazu, ihre Kinder zu stark zu behüten.
Bulimische Patientinnen leben häufiger in Familien, die von heftigen Konflikten und einem Ideal der Stärke geprägt sind. Die Familienmitglieder neigen häufiger zu impulsiven Handlungen und zeigen weniger emotionales Einfühlungsvermögen als Angehörige nicht-essgestörter Personen.
Nicht selten leiden auch Familienangehörige von essgestörten Patienten unter psychischen Krankheiten, z.B. Essstörungen, Depressionen oder Alkoholabhängigkeit.
Individuelle Faktoren
Hierzu zählen ein niedriges Selbstwertgefühl, Perfektionismus und Impulsivität. Das niedrige Selbstwertgefühl und der Perfektionismus drücken sich oft in tief verwurzelten Grundannahmen über sich und die Welt aus, wie zum Beispiel "Wenn ich nicht alles perfekt mache, bin ich ein Versager" oder "Nur wenn jeder mich mag und mein Verhalten gutheißt, bin ich als Mensch etwas wert". Perfektionismus steht vor allem bei anorektischen Patientinnen in einem deutlichen Zusammenhang mit der Entstehung einer Essstörung. Umgekehrt scheint die Impulsivität eher für dei Entwicklung einer Bulimie relevant zu sein.
Soziokulturelle Faktoren
Essstörungen treten weit häufiger in Kulturen auf, die das in den Industrieländern vorherrschende Schlankheitsideal vertreten. In Ländern, die den westlichen Lebensstil übernehmen, steigen die Erkrankungszahlen deutlich an. Vor allem Frauen fühlen sich dem Schlankheitswahn verpflichtet, wenn sie im beruflichen und gesellschaftlichen Leben erfolgreich sein wollen. Die Werbung präsentiert retuschierte Idealfiguren, und die Bekleidungsindustrie verlockt mit kleinen Konfektionsgrößen vor allem junge Menschen dazu, den mageren Models nachzueifern. So entsteht ein Klima, in dem dick von vielen mit unattraktiv und unbeliebt, dünn mit attraktiv, glücklich und erfolgreich gleichgesetzt wird und in dem Essstörungen gut gedeihen können.
Noch wichtiger als das gesellschaftliche Schlankheitsideal sind oft die Äußerungen und Verhaltensweisen der Familie, Freunde und Klassenkameraden. Körperbezogene Kommentare bis hin zu Hänseleien oder die besondere Betonung von Schlankheit, Figur und Gewicht lassen in den Betroffenen die Überzeugung wachsen, dass sie schlank sein müssen, um anerkannt und beliebt zu sein.
Auslöser
Die oben genannten Ursachenfaktoren erhöhen das Risiko für die Entstehung einer Essstörung im Laufe eines Lebens. Ob und wann die Erkrankung tatsächlich auftritt, lässt sich dadurch jedoch nicht vorhersagen. Dem Krankheitsbeginn gehen häufig belastende Ereignisse voraus, die als Auslöser der Essstörung gelten können. Darunter fallen kritische Erlebnisse wie Trennung, Umzug, Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt und andere Belastungen, denen die Betroffenen sich nicht gewachsen fühlen.
Aufrechterhaltende Faktoren
Selbst wenn die Entstehungsbedingungen einer Essstörung in der Vergangenheit liegen und in der Gegenwart gar nicht mehr relevant sind, dauert die Störung oft weiter an, weil andere Faktoren den bestehenden Teufelskreis in Gang halten. Dazu gehören ein hohes Ausmaß an Belastung, mangelnde Stressbewältigungsstrategien (aktives Problemlösen, Gefühlsregulation, Entspannung), gezügeltes Essverhalten, eine verzerrte Körperwahrnehmung und problematische Denkmuster hinsichtlich Essen, Figur und Gewicht. Speziell für die Anorexia nervosa scheint auch das Kontrollgefühl, das als Folge der Störung entsteht, ein wichtiger aufrechterhaltender Faktor zu sein.


