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10. Mai 2019

Tragen Vogel Strauß und Känguru zur Aufrechterhaltung einer Essstörung bei?

An die 50 Teilnehmer aus ganz Deutschland kamen zur diesjährigen Wohngruppentagung „Wege aus der Essstörung" des Bundesfachverbandes für Essstörungen (BFE) am 9./10. Mai 2019 im Ausbildungsinstitut des Klinikums Dritter Orden. Gastgeber war das TCE – Therapie-Centrum für Essstörungen, das in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Im Fokus des fachlichen Austausches stand „Die Perspektive der Angehörigen" im Umgang mit Menschen, die an Magersucht, Bulimie oder Binge Eating leiden.

Wenn Kinder immer weniger essen und in der Folge an Gewicht verlieren oder wenn sie unkontrollierte Essanfälle entwickeln, sie sich aus dem sozialen Kontakt zurückziehen und ihr lebendiges Gefühlsleben plötzlich hinter einer starren – oder auch lächelnden – Fassade verschwindet, reagieren Eltern häufig mit großer Angst und Sorge. Sie fühlen sich hilflos und wissen nicht, wie sie mit dem gestörten Essverhalten ihres Kindes umgehen sollen.

In ihrem Bemühen, der Krankheit Einhalt zu bieten, entwickeln sie unterschiedliche Strategien. Manche Eltern zeigen einen starken Beschützerinstinkt und fassen ihr Kind nur noch mit Samthandschuhen an. Nach Art des Kängurus tun sie alles in ihrer Macht stehende, um das kranke Kind vor den Anforderungen der äußeren Welt zu schützen und all seinen Wünschen zu entsprechen, gleichgültig ob diese rational oder Ausdruck der Essstörung sind. Sie kaufen beispielsweise größere Nahrungsmengen ein, um ihr Kind davor zu bewahren, Lebensmittel für einen Essanfall zu entwenden oder begeben sich stundenlang auf die Suche nach speziellen Nahrungsmitteln, in der Hoffnung, dass ihr Kind dann wenigstens eine kleine Menge davon isst.

Andere reagieren fordernd und ärgerlich, versuchen der Krankheit mit Argumenten, Drohungen oder strikten Vorgaben beizukommen. Wieder andere fühlen sich von der Konfrontation mit der Problematik überfordert und versuchen das Thema nach Vogel-Strauß-Manier zu bagatellisieren oder zu verdrängen. Und manche Eltern ergehen sich in Schuldgefühlen, machen sich große Vorwürfe und halten sich für das Glück ihres Kindes allein verantwortlich. Sie reagieren sehr emotional und extrem belastet auf die Erkrankung ihres Kindes. Ganz gleich, in welchem dieser vier Helfertypen eine Mutter oder ein Vater sich wiederfinden, immer wirkt sich eine Essstörung auf den Alltag der ganzen Familie aus.

Janet Treasure vom King's College London, deren Expertise auf dem Gebiet der Essstörungen weltweit anerkannt ist, beleuchtete die beschriebenen Mechanismen in ihrem Eröffnungsvortrag, den sie bei der diesjährigen Wohngruppentagung des Bundesfachverbandes für Essstörungen vor Fachpublikum hielt. Anlässlich seines 30-jährigen Jubiläums richtete das TCE – Therapie-Centrum für Essstörungen die Tagung am 9./10. Mai 2019 im Ausbildungsinstitut des Klinikums Dritter Orden aus.

Die britische Psychiaterin erläuterte hilfreiche Strategien zum Umgang mit Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder Esssucht, die es den Betroffenen und ihren Familien, Freunden, Lehrern, Therapeuten und Ärzten ermöglichen, sich aus typischen Fallen im Genesungsprozess zu befreien, um so den Teufelskreis einer Essstörung gemeinsam zu durchbrechen. Um an prägnanten Beispielen zu veranschaulichen, wie familiäre Verhaltensmuster zur Aufrechterhaltung einer Essstörung beitragen können, griff sie auf Tiermetaphern zurück.

Auch im TCE, in dem unter der Leitung der Psychologischen Psychotherapeutin Dr. Karin Lachenmeir Psychologinnen Ärzte, Krankenschwestern, Ernährungstherapeutinnen, Erzieherinnen und Kunsttherapeutinnen eng zusammenarbeiten, wissen die Experten, wie wichtig die Einbindung von Angehörigen für den nachhaltigen Therapieerfolg bei Anorexie, Bulimie und Binge Eating ist. Denn gerade bei Kindern und Jugendlichen hat sich die familien-basierte Therapie als wirksam erwiesen.

Nähere Informationen über das TCE finden Sie auch auf www.tce-essstoerungen.de

 

 

Kontakt:
Petra Bönnemann
- Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit -
Telefon: 089 1795-1712
petra.boennemann@dritter-orden.de